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Georg Jentsch (1908-1968) – Autobiographische Texte nach 1945

Als SS-und SD-Führer in Ostsachsen und Zittau sowie als Angehöriger einer SD-Einsatzgruppe in der Slowakei und nicht zuletzt als Brauereibesitzer besitzt Georg Jentsch sicherlich eine überdurchschnittliche Bedeutung für die regionale Geschichtsforschung. Deswegen sollen an dieser Stelle Auszüge aus dem von Ilse Köhler im Verlag „Hinder + Deelmann“ 1973 herausgegebenen Buch „Wiedererweckung der einen Welt – Leitbilder des mündigen Menschen“ folgen. Diese Veröffentlichung beinhaltet ausschließlich von Georg Jentsch verfasste Texte aus dem Zeitraum 1945 bis 1968. Die hier getroffene Auswahl von Textstellen will versuchen, mögliche Hinweise über eine eigene Beurteilung seiner Tätigkeit in SS und SD zu erhalten.
Am 22.12.1957 schreibt Georg Jentsch an das Kreiswehrersatzamt Schwelm (S.79-81):
„Als Vormund meines noch unmündigen Sohnes Dietrich habe ich bereits am 20.11.57 mitgeteilt, daß ich diesem untersagt habe, sich dem Wehrdienst zur Verfügung zu stellen. […]
Zur Kriegsverweigerung komme ich zunächst aus folgenden persönlichen Gründen :
Ich bin ehemaliger SS-Führer im Sicherheitsdienst und später in der Waffen-SS. […] Auch ich war damals der Überzeugung, daß man sich gegen die Gefahr aus dem Osten schützen müsse. Auch ich meinte, daß es für diesen Schutz nur das Mittel der eigenen Stärke gebe, um dem Gegner das ganze Risiko eines Angriffs aufzubürden. Ich glaubte, wie Sie, an die Versicherung der führenden Männer, daß die eigene Rüstung nur zum Zwecke der Verteidigung eingesetzt werden würde. Ich war von der Richtigkeit dieser Sicht so sehr überzeugt, daß ich auch meine Umwelt in diesem Sinne beriet und deren Bedenken zerstreute. Ich wußte zwar um das Risiko der ganzen Konzeption, hielt dieses aber für geringer als bei den anderen möglichen Verhaltensweisen.
Das Ergebnis des Krieges und meines soldatischen und politischen Einsatzes sah für mich und meine engste Umgebung folgendermaßen aus :
[…] 4. Ich selbst wurde im Kriege zweimal verwundet, entkam dem Tode mehrmals nur durch ein Wunder und erkaufte mir nach dem Zusammenbruch Freiheit und Leben nur durch den Entschluß, unter falschem Namen und fern von allen Angehörigen ein neues Leben zu beginnen. Viele Jahre sah ich meine Frau nur selten, die drei Kinder überhaupt nicht. Dieser Zustand dauerte siebeneinhalb Jahre bis zum Oktober 1952, wo ich meinen richtigen Namen wieder annahm.
5. Natürlich verlor ich meinen ganzen Besitz in der Gestalt eines seit drei Generationen in der Familie fortgeerbten mittleren Industriebetriebes, verlor meine reichen Kunstsammlungen, die wertvolle Bibliothek und alles persönliche Eigentum.
[…] Ja, ich kann sogar sagen, daß meine Mitwirkung an militärischen Zielsetzungen auch für die Gesamtheit nichts Gutes bewirkt hat. […] Noch heute wird jedes Vorgehen gegen die Bundesrepublik und jede Rüstung der Gegenseite mit dem Hinweis auf die Taten der SS begründet. Diese SS hat jedoch nicht mehr und nicht weniger getan, als daß sie die auch heute noch überall in der Welt herrschende Gewaltgläubigkeit zu Ende gedacht hat und dann die sich daraus ergebenden Folgerungen zog. Auch ich bekenne mich schuldig, irrend diesen Weg gegangen zu sein. Ich war der Überzeugung, daß man das, was man für richtig hält, entweder ganz oder gar nicht tun sollte. […]“
Buchumschlag des zitierten Buches
Und 1961 schreibt Georg Jentsch in dem Aufsatz „Das unzulängliche Reich“ (S.9-14) :
„[…] Dieses künftige Reich ist keine Angelegenheit von Regierungen, diplomatischen Noten, Armeen oder Militärpakten. Es ist eine Angelegenheit des unbekannten und scheinbar machtlosen Einzelmenschen, der mit sich selber den Kampf zu Ende gekämpft hat und deshalb am Haß der Welt keinen Teil mehr hat. Für ihn sind Juden und SS-Männer, Kapitalisten und Bolschewisten, Bantus und Buren, Nationalisten und Weltbürger zunächst einmal Menschen. […]“

Georg Jentsch (1908-1968) – Lebenslauf

Die folgende Darstellung der wesentlichen Lebensstationen von Georg Jentsch stammen von Ilse Köhler, schätzungweise um 1970 verfasst. Sie lernte Georg Jentsch während seiner Tätigkeit beim SD in Ostsachsen kennen. Nach 1945 war sie seine Lebensgefährtin. Veröffentlicht wurde der Text in dem Buch „Wiedererweckung der einen Welt“ aus dem Verlag "Hinder+Deelmann", Seiten 241-244.
„Am 11.August 1908 in Zittau als Sohn eines  Brauereibesitzers geboren, scheint sich Georg Jentsch zunächst ganz in Richtung seiner Väter zu entwickeln. Nach dem Gymnasium folgt das Studium an der Technischen Hochschule München (Weihenstephan) mit dem Abschluß eines Diplom-Braumeister. Bedingt durch den frühen Tod des Vaters übernimmt er in weltweit wirtschaftlicher Krisensituation (1931) den elterlichen Betrieb. […]
Postkarte Brauerei Robert Jentsch, Zittau - ca. 1935
In den zwanziger Jahren ist es das nationale Pathos, das ihn zur aufbrechenden deutschen Bewegung treibt. Er geht durch die schlagende Verbindung und tritt 1931 – bedrückt durch das Versailler Diktat – in Überzeugung des rechten Weges der NSDAP und SS bei. 1935 heiratet er; aus seiner Ehe gehen vier Söhne hervor. Während des Zweiten Weltkrieges wird er zum Sicherheitsdienst (SD) dienstverpflichtet und leitet dort das Kultur-Referat für den Gau Sachsen.
In dieser Funktion begegnet er zahlreichen Kulturschaffenden, u.a. dem Wagnerforscher und Musikschriftsteller Dr. Walter Engelsmann. […] Sein Bemühen, direkte Verbindung zur Reichsführung zu gewinnen, weil ihm bewußt geworden ist, daß der von ihr eingeschlagene Weg ins Verderben führen muß, wird ablehnend zurückgewiesen unter der Androhung seiner Festnahme, sofern er nicht schweige. […]
In seiner Dienststelle kann man ihn jedoch nicht mehr gebrauchen. So wird er zur Niederschlagung eines (1944 ausgebrochenen) Aufstandes in der Slowakei beordert. Er verweigert im Einsatz aus Gewissensgründen die Weitergabe eines ihm unannehmbaren Befehls an seine Unterführer und wird trotz persönlicher Erfolge – es gelang ihm, große Gebiete zu befrieden – seiner Ämter enthoben und degradiert. Von dieser Zeit an wird er bis zum Ende des Dritten Reiches völlig isoliert und sämtlicher Aufgaben entbunden.
Porträtaufnahmen G. Jentsch (Dt. Wochenschau u. Verlag Hinder+Deelmann)
Der Zusammenbruch 1945 bringt ihn um das väterliche Erbe (Enteignung der Brauerei), er verliert alle materiellen Güter, seine Kunstsammlungen, seinen Beruf und geht schließlich über die Zonengrenze nach Bamberg, die bürgerliche Welt hinter sich lassend, und beginnt vorübergehend unter falschen Namen ein neues Leben.
Ein innerer religiöser Aufbruch läßt ihn die Vergangenheit übersehen, begreifen, bewältigen. […] So folgen sieben Jahre äußerer Hilfs- und Dienstbereitschaft an durch den Zusammenbruch in Not geratenen Menschen. […]
In den fünfziger Jahren sucht er Gleichgesinnte, die wie er mithelfen wollen am Aufbau einer besseren Welt. Am 21.10.1952 nimmt er im Rahmen der Amnestie seinen alten Namen wieder an und gewinnt damit die Voraussetzung, sich in die politischen Auseinandersetzungen der Zeit einzuschalten. Das Stichwort für ihn ist die bevorstehende Remilitarisierung der Bundesrepublik. In diesem Zusammenhang tritt er der Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) Dr. Gustav Heinemanns bei und übernimmt darin Funktionen für Oberfranken. Durch das Organ der GVP, die „Gesamtdeutsche Rundschau“, begegnet er Dr. Nikolaus Koch in dessen Bemühungen um die gewaltlose Revolution. Er identifiziert sich mit diesem Anliegen, geht für einige Zeit nach Witten-Bommern und bereitet dort zusammen mit Koch u.a. die Entwicklung eines Friedenszentrums vor.
Über einen neutralistischen Arbeitskreis lernt er den Herausgeber der Zeitschrift „Gemeinschaft und Politik“ kennen und siedelt schließlich um nach Bad Godesberg, wo er bis 1960 am Institut für Geosoziologie und Politik, an der Herausgabe von dessen Zeitschrift (G+P) und allen vom Institut ausgehenden politischen Aktivitäten („Gesamtdeutsche Union“) maßgebend mitarbeitet. In dieser Zeit entstehen seine politischen Aufsätze. Sein Drang, sozial-praktisch zu wirken, bewegt ihn 1960 zum Eintritt in die „Bruderschaft Salem“, was ihm gleichzeitig den lange gesuchten Weg nach Berlin öffnet, mitten ins Herz Preußens, der einstigen militärischen Größe, als der Ausgangsbasis künftiger mitteleuropäischer Gewaltlosigkeit.
In Berlin nimmt sein Schicksal erneut eine äußere Wendung. Man will ihm von Seiten der ČSSR Kriegsverbrechen in der Slowakei anlasten, die er niemals begangen hatte. Anläßlich eines Besuchs in Ost-Berlin wird er verhaftet und fünf Monate in Untersuchungshaft genommen. Erst ein umfangreiches, sorgfältig durchgeführtes Untersuchungsverfahren ermittelt seine Unschuld; man gibt ihn schließlich frei. Voll rehabilitiert, wird er nach Dresden zu seiner Familie entlassen. Die letzten sieben Jahre seines Lebens dienen dort stillem wissenschaftlichen Wirken, noch einmal überschattet durch die Folgen seines Widerstandes gegen den Kriegsdienst, diesmal in der DDR, nachdem er bereits früher seinem damals minderjährigen Sohn Dietrich in Westdeutschland verboten hatte, den Kriegsgesetzen Folge zu leisten.
[…] 1967 wird dann die Erkrankung an Herz und Nieren bemerkbar, […] Zuversichtlich bis zum letzten Atemzug, vollendet er sein Leben am 17.4.1968. Die Körperhülle verbleibt auf dem kleinen Friedhof von Harbshausen, einer der Bergspitzen am Edersee.“

Wohnung SS-Angehöriger : Zittau, Innere Weberstraße 11

Im Gebäude „Innere Weberstraße 11“ wohnte vor 1945 der Dipl.-Braumeister Georg Jentsch, welcher SS-und SD-Angehöriger war. Er war Inhaber und Geschäftsführer der Fa. "Brauerei Robert Jentsch KG". Als SS-Angehöriger war Georg Jentsch nebenberuflich in einer SS-Einheit der Allgemeinen SS in Zittau sowie für den SD-Leitabschnitt Dresden-Bautzen tätig.



Im Herbst 1944 war er bei der SD-Einsatzgruppe H / Einsatzkommando 14 (Slowakei) als SS-und SD-Führer in der Funktion eines Berichterstatters eingesetzt. Der Führer des EK14 war Dr. Georg Heuser.

Georg Jentsch bei der SD-EG H (Quelle : Dt. Wochenschau)
Erwähnung im SD-Befehlsblatt Ende 1944 (Quelle : Nr. 51/1944)
Im Jahr 1945 wurde Georg Jentsch zum SS-Pz.Gren.Ausb.Btl.5 Ellwangen/Jagst zur Ausbildung im Rahmen der Waffen-SS kommandiert. Nach eigenen Aussagen kam er durch eine Fußverletzung nicht zum Kampfeinsatz. Stattdessen wurde er als Hilfsausbilder verwendet. Zum Ende des Krieges sollte er im Rahmen des Werwolfes verwendet werden. Als Standort gibt er Heuberg am Bodensee an (vermutlich ist das Lager Heuberg gemeint). 
Dies deckt sich mit einer Aussage von Hans Zöberlein, welche er 1954 bei der Staatsanwaltschaft München machte (zitiert aus dem Buch "Himmlers letztes Aufgebot" von Volker Koop, S.152) : "[...] Nach Zöberleins Einlassungen war er Ostern 1945 von der NS-Gauleitung München beordert worden, um das Kommando über eine neu aufgestellte Volkssturmeinheit zu übernehmen. Gauleiter Giesler legte ihm ein von Robert Ley, dem Führer der Deutschen Arbeitsfront, unterzeichnetes Fernschreiben vor, mit dem dieser die Aufstellung eines "Freikorps Adolf Hitler" verlangte. Für den Raum südlich der Donau sollte es den Namen "Schwarzwald" erhalten und dort eingesetzt werden. Jede NS-Ortsgruppe sollte mindestens zwei Mann stellen, die mit Fahrrädern und Handfeuerwaffen ausgestattet wurden. Aufstellungsort war der Heuberg in Württemberg. [...]."

Chronik : Zittau, 17.12.1944 - Zeitungsbericht über Georg Jentsch

In den Zittauer Nachrichten vom 17.12.1944 findet sich ein Bericht mit folgender Überschrift : "Ein Zittauer hob die slowakischen Verräter aus - SS-Hauptsturmführer Jentsch über die Festnahme der Banditengenerale Viest und Golian". Hierbei handelt es sich um den damaligen Zittauer Brauereibesitzer sowie SS-und SD-Führer Georg Jentsch (1908-1968). Er war im Rahmen des SD-Sondereinsatzkommando 14 maßgeblich an der Festnahme von Jan Golian und Rudolf Viest am 3.11.1944 beteiligt. Beide sollen nach einer Zeugenaussage im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet worden sein.

Zittauer Nachrichten 17.12.1944


Chronik: Zittau, 15.8.1931

Georg Jentsch schreibt im Dezember 1933 in seinem Lebenslauf : „[…] In Zittau trat ich sofort zu SS über [15.8.1931], da diese damals ihren Dienst hauptsächlich auf den Dörfern, wo keine eigene SA bestand, versah. Ich glaubte, diesen Schritt im Interesse meines Geschäftes [Fa. Brauerei Robert Jentsch KG] tun zu müssen. Schädigungen blieben natürlich auch hier nicht aus, doch konnte ich sie zeitlich etwas hinausschieben. Ich freue mich aber heute, daß ich als erster größerer Unternehmer der Stadt zu Adolf Hitler stoßen durfte. […]“